Initiatorinnen Info
Schritte auf dem Weg zu
mehr sozialer
Gerechtigkeit
- from words to action!
Wir folgen den Maximen von John Lewis
"Democracy is not a state. It is an act"
und John F. Kennedy
"Einen Vorsprung im Leben hat, wer da anpackt, wo die anderen erst einmal reden."
Schritte auf dem Weg zu
mehr sozialer
Gerechtigkeit
- from words to action!
Wir folgen den Maximen von John Lewis
"Democracy is not a state. It is an act"
und John F. Kennedy
"Einen Vorsprung im Leben hat, wer da anpackt, wo die anderen erst einmal reden."

Der weltweite Trend mit der wohl größten gesellschaftspolitischen Sprengkraft ist die zunehmende soziale Ungleichheit.

In den letzten 30 Jahren hat sich dieser Trend exponentiell verstärkt, seine Folgen werden insbesondere seit dem Einsetzen der Corona- Pandemie immer deutlicher, die Folgen des Klimawandels werden die Situation weiter verschärfen.

Inzwischen verfügen 2000 Milliardär:innen über mehr Vermögen als 60 Prozent der Weltbevölkerung zusammen.

Quelle: Oxfam Deutschland Soziale Ungleichheit

Ungleichheit in Vermögen und in Einkommen – aber auch in Bildung, Gesundheit und sozialer Absicherung – behindert die Entwicklung von Einzelnen und Gesellschaften. Ungleichheit bedeutet, dass mehr Menschen krank sind, weniger Menschen eine gute Ausbildung haben und weniger Menschen ein glückliches, würdiges Leben führen. Und sie verhindert die Abschaffung von Armut. Wenn die Wohlstandsgewinne vor allem nach oben fließen, bleibt zwangsläufig weniger für alle anderen.

Um ein gutes Leben für alle zu erreichen, dürfen wir aber nicht nur die akuten Symptome angehen.

Langfristig müssen erwirtschaftete Werte von Anfang an gerecht verteilt werden. Übermäßige Macht und Einfluss auf politische Entscheidungen müssen verhindert werden, sodass extreme Ungleichheit erst gar nicht entsteht. Eine sozial und ökologisch gerechte Wirtschaft werden wir also nur erreichen, wenn wir das Wirtschaftssystem umfassend und konsequent demokratisieren. Wirtschaft zu demokratisieren bedeutet, dass Entscheidungsmacht breit geteilt wird, anstatt sie bei einigen wenigen zu konzentrieren.

Dafür braucht es:

Wie können wir konkret für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen? ... nicht nur reden sondern wirkungsvoll handeln?

Wir haben eine Initiative gestartet und mit einem Innovation Bootcamp eingeleitet, an dem sich Menschen verschiedener Generationen und unterschiedlichster kultureller, sozialer, professioneller Hintergründe beteiligen - so z.B. Menschen mit Migrationshintergrund, mit großem Vermögen, mit Armutshintergrund, Akademiker:innen, Handwerker:innen, Künstler:innen, Rentner:innen, Mediziner:innen, Unternehmer:innen.

Im Rahmen des Innovation Bootcamp wollen wir:

Tag 1: Eröffnung

Wut bewegt

„Ich bin wohl noch nicht alt genug, um den Zorn über die gesellschaftlichen Verhältnisse hinter mir zu lassen“, sagt eine der Teilnehmerinnen. „Das treibt mich an, bringt mich in Bewegung.“

Ein Zorn, der lähmt oder ein Zorn, der Energien freisetzt

Eine 1,5-Zimmer-Wohnung in Berlin, die jährlich zu zahlende Reise-Krankenversicherung und sogar manche Daunenjacke.

So unterschiedlich die Produkte und Dienstleistungen sind, haben sie doch eines gemein: Sie alle kosten rund 781 Euro. Dieser Betrag entspricht 40 Prozent des durchschnittlichen Nettoeinkommens der Deutschen und markiert die Armutsgrenze hierzulande. All jene, die monatlich weniger Geld zur Verfügung haben, gelten laut EU-Standards somit als arm.

Stellen Sie sich vor, Sie hätten 781 Euro für den kommenden Monat zur Verfügung.

Wie weit würden Sie mit dem Geld kommen? Wie viele Tage könnten Sie Ihren Lebensstil aufrechterhalten? Und wofür würden Sie das Geld ausgeben?

Die Teilnehmenden des Innovation Bootcamp in Gut Siggen beantworten die Fragen dieses Gedankenexperiments mitunter ganz unterschiedlich. Während manche über ihre Ausbildung hinaus finanziell von ihrem sozialen Umfeld unterstützt werden, um sich eine Wohnung kaufen oder kulturelle Veranstaltungen leisten zu können, mussten andere schon früh auf eigenen Beinen stehen. Für wenige würde das Geld gerade noch für eine Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und das Zeitungsabo ausreichen, während andere schon auf Essensspenden der Tafel angewiesen wären. Als zentral wurde das Thema Wohnen herausgearbeitet, da Wohneigentum bei den steigenden Mietpreisen beinahe wie ein „Joker“ anmutet. An der Miete, so sind sich die meisten einig, könne daher am meisten gespart werden. Im Gegensatz zum eigenen Auto, Fernseher, zu Theaterbesuchen oder Fortbildungen ist ein Großteil der Teilnehmenden allerdings nicht bereit, auf die eigenen vier Wände zu verzichten. Doch blicken wir mit anderen Augen auf unser Zuhause, wenn wir die gewohnte Umgebung gezwungenermaßen verlassen müssten?

Schnappen Sie sich doch Zettel und Stift und lassen sich auf das Gedankenexperiment ein:

Unter welchen Umständen würden Sie einen Monat lang mit 781 Euro auskommen? Worauf würden Sie verzichten?

Auch Wohnungslose haben Ansprüche

„Wer hat das Recht auf ein gutes Leben?“

Auf der Suche nach der Wahrheit, um Ungleichheit zu erklären

Sich selbst und andere irritieren: Das fängt bei spontanen Gesprächen mit Unbekannten an und schließt auch politische Interventionen ein.

Eine sommerlich gekleidete Frau mit rötlichen, zum Zopf gebundenen Haaren sitzt auf der Bordsteinkante im Hamburger Schanzenviertel und betrachtet die kreuzenden Passant*innen.

Manche schlendern mit einem Eis in der Hand an ihr vorbei, andere hetzen sichtlich genervt zum nächsten Termin, zur Bahn oder zur Arbeit. Viele haben es eilig, sie tragen Anzüge, schwarze Blazer oder weiße Turnschuhe. An einer Passantin aber beibt der Blick der auf der Bordsteinkante sitzenden Frau hängen. Sie hat ein ungewöhnliches Accessoire bei sich, das ihr sofort ins Auge springt: eine Handtasche mit Tiger-Print. Ein großartiger Zufall, wo sie doch das gleiche Modell selbst bei sich zuhause auf der Garderobe stehen hat. Vom Gehweg aus spricht sie die Fußgängerin an, die Frauen kommen ins Gespräch und kurz darauf sitzen beide nebeneinander auf die Bordsteinkante. Die Passantin beginnt aus ihrem Leben zu erzählen, von ihrem Beruf, Höhen und Tiefen. Und obwohl sich ihre Erfahrungen überhaupt nicht decken, hören sie sich gegenseitig gespannt zu. „Die Begegnung hat ihre Wirkung erzielt“, sagt die rothaarige Frau heute über ihr Gespräch mit der Passantin. „Sie hat irritiert – und inspiriert.“

Hätten Sie die Passantin angesprochen? Wie oft tauschen Sie sich mit Ihnen unbekannten Menschen aus, denen Sie außerhalb der Arbeitsstelle begegnen?

Der Begriff Irritation fällt in mehreren Diskussionen, wird wieder aufgegriffen und wabert durch den Gesprächsraum. „Nur, wenn wir uns selbst herausfordern und irritieren, können wir uns von unserem fixierten Weltbild lösen“, sagt eine Teilnehmerin des Innovation Bootcamp. Denn diese Irritation sei der Start des individuellen Lernprozesses. Dafür müssten bereits Kinder in Tagesstätten und Schulen nicht nur gefördert, sondern auch gefordert werden, damit sie neben dem Ausbau ihrer kognitiven Anforderungen auch andere Lebenswelten entdecken und von einem diversen Umfeld lernen können.

Neue Lebenswelten erschließen

Familie und Staat

„Selbstverständlich wirst du dich auch beruflich um die Belange der Frauen kümmern“, gab die Mutter einer Teilnehmerin ihrer Tocher zu Beginn ihrer Karriere mit auf den Weg. Als Frau mit Einwanderungsgeschichte musste sie sich erst freischwimmen und sich den Weg in die deutsche Gesellschaft im Gegensatz zu ihren Mitmenschen hart erarbeiten.

Der Staat schafft es einfach nicht. Ist es denn seine Pflicht?

...obwohl es doch uns alle betrifft, fragt einer der Teilnehmer.

Besteuerung betrachtet er als Mittel und Zwischenschritt zu mehr sozialer Gerechtigkeit. Wie die meisten von uns lebt er in einer „Blase“, wie er sagt. Diese Komfortzone zu verlassen ist jedoch notwendig, um die eigenen Meinungen mit anderen teilen und von deren Überzeugungen und Reaktionen lernen zu können. „Nur so lässt sich das politische Unwohlsein der Gesellschaft in konkrete Lösungsvorschläge übersetzen.“

Ich frag mich immer, wieso sich andere Menschen nicht damit beschäftigen.

Von der Illusion zur Vision

„Wenn wir es nicht einmal schaffen, kindliche Lebenswelten zusammenzubringen, können wir Ungleichheit nicht gänzlich überwinden“, sagt eine Teilnehmerin des Innovation Bootcamp. Im Projekt Kinderstadt Hamburg begleitet sie zwei Wochen im Jahr 7- bis 14-Jährige dabei, wie sie eine Welt nach ihren eigenen Regeln aufbauen. Sie planen den Wohnungs- und Städtebau, organisieren Post sowie Feuerwehr und sorgen für die Berichterstattung. Vom Umgang der Kinder untereinander können Erwachsene viel lernen, so die Teilnehmerin. Das erfordere jedoch zwei grundlegende Dinge: Mut und den Willen, hier und da die Perspektive zu wechseln.

From words to action. From sand to sandcastles

Zivilgesellschaftliches Engagement

Bereits die griechischen Philosophen um Aristoteles prägten den Begriff des Philanthropen, des uneigennützig handelnden Menschenfreundes. Aus einem allgemeinen Gerechtigkeitssinn, moralischen Aspekten oder Wohlwollen setzen sie sich für die Belange anderer ein, ohne dass es einen Vorteil für sie zu haben scheint. Dass dem jedoch nicht so ist, bestätigen mittlerweile nicht nur Wissenschaftler*innen, sondern auch die Teilnehmenden aus eigenen Erfahrungen. „Wir fühlen uns einfach besser, wenn wir andere in gemeinschaftlichen Projekten unterstützen können“, sagt eine Teilnehmerin. Dem stimmt auch Aristoteles zu, indem er sagt: „Der ideale Mensch verspürt Freude, wenn er anderen einen Dienst erweisen kann.“

Ehrenamt. Ich frage mich, wie macht ihr das, wenn ein Motivationstief kommt.

„Das Konzept des Einladens impliziert, dass wir unser Gegenüber als Gast behandeln und wertschätzen.“

Mach mir Platz. – Nö.

Soziale Osmose

/soziále Osmóse/

Substantiv, feminin [die]

Das Hindurchdringen sozialer, gesellschaftlicher und kultureller Werte und Meinungen durch eine durchlässige, unsichtbare Wand, die verschiedene Milieus voneinander abgrenzt. Das Gelingen der sozialen Osmose hängt erheblich von einer gemeinsamen Sprache der Gesprächspartner*innen ab.

Synonyme zu Soziale Osmose

Gesellschaftlicher Austausch, gemeinsamer Dialog

beiläufige Osmose

„Warum sprechen wir nicht davon, was wir erreichen, sondern noch immer davon, was wir abschaffen möchten?“

Für social justice, gegen Ungleichheit.

Tag 2: Erkenntnisse

„What comes up in Siggen stays in Siggen“,

lautet der Leitsatz der Siggener Begegnungen der Töpfer-Stiftung, in deren Rahmen das Innovation Bootcamp stattfindet. Eine Regel, die zwar für im Vertrauen Geäußertes gilt, nicht jedoch für die im Laufe der Woche vom 23.-28. August entwickelten Ideen, Interventionen und Handlungsvorschläge. Sie wollen wir laut verkünden, in die Welt tragen und unseren Freundinnen, Nachbarn und Verwandten erzählen. Damit sie selbst vom Denken ins Handeln kommen - und wiederum ihren Freunde, Nachbarinnen und Verwandten davon berichten.

Die Teilnehmenden des Innovation Bootcamp kommen aus Bergmannsfamilien aus dem Ruhrgebiet und aus akademischen Elternhäusern, leben auf dem Land oder in der Großstadt. Sie haben geerbt, gegründet, gelehrt, arbeiten ehrenamtlich oder sind als Künstler:innen tätig. In ihrem Reden und Handeln verfolgen sie jedoch alle eine gemeinsame Vision: das Streben nach sozialer Gerechtigkeit.

Building common ground

Strukturen durchbrechen

Dieser Prozess ist ein aktiver, er beginnt im gemeinsamen Austausch zu individuellen Ungleichheitserfahrungen und führt zu einer Auseinandersetzung mit den strukturellen Gründen, die zulassen oder gar bedingen, dass die Gesellschaft auseinanderrückt. Neben der Integrierung sozial gerechter Strukturen in gesellschaftliche Systeme und Einrichtungen wie den Versicherungsapparat sollte es daher ein definiertes Ziel sein, ein Bewusstsein für Vorurteile und Ungleichheit in der Bevölkerung zu schaffen. Denn letztlich kann soziale Gerechtigkeit nur dann gelebt werden, wenn auch die Barrieren in den Köpfen der Menschen schrumpfen und geistige Mauern fallen.

Es gibt immer mehr Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen.

Gesellschaftliche Prozesse anstoßen

„Wir alle werden als Menschen geboren“, sagt einer der Teilnehmer des Innovation Bootcamp. „Daher sollten alle ein menschenwürdiges, erfülltes Leben führen und auf ihre wirklichen Bedürfnisse und Wünsche eingehen dürfen.“ Um soziale Gerechtigkeit in den Einstellungen und dem Verhalten der Menschen zu verankern, ist es daher notwendig – und das mag selbstverständlich klingen – unserem Gegenüber menschlich und vorurteilsfrei zu begegnen. Den Blick hinter die Fassade zu wagen und somit eingefahrene Stereotype ins Wanken zu bringen und umzustoßen.

Wir werden alle als Menschen geboren.

Ein Grundstein der Entwicklung hin zu einer Gesellschaft, in der alle Bürger:innen gleich behandelt werden, ist zudem das Selbstbewusstsein und die Selbstachtung des Einzelnen, die aus der Wertschätzung des Umfelds resultiert. „Es ist erstaunlich, wie viel jeder beitragen kann, wenn wir ihm oder ihr mit Respekt begegnen.“ Wenn nicht die Unterschiede, sondern die Gemeinsamkeiten im Vordergrund stehen und Silodenken aufgebrochen wird.

Ich möchte in einer Demokratie leben.

Begegnung und Austausch

Über das Erzählen persönlicher Geschichten und das Verlassen der eigenen sozialen Blase kann es uns gelingen, Menschen und Themen aus anderen Communities in unsere Lebensrealität einzubeziehen. Dafür bedarf es allerdings nicht nur viel Geduld, sondern ebenso einer gemeinsamen Sprache. Einer Sprache, die Minderheiten integriert, alle Geschlechter ein- und Arbeitsuchende sowie Menschen ohne festen Wohnsitz nicht kategorisch ausschließt. Einer Sprache, die einen niedrigschwelligen Zugang zu Dialogformaten garantiert, ohne zu urteilen. Denn wir wollen nicht überfordern, sondern herausfordern, nicht verstören, sondern irritieren.

Hoch hinaus denken.

Staatliche Verantwortung

Damit unterschiedliche Lebenswelten aufeinandertreffen und voneinander lernen können, bedarf es eines gemeinsamen Raums. Das kann ein digitaler Raum sein wie diese Website oder ein physischer wie das Stadtteilzentrum, der Sportverein oder der Chor. „Viel zu viel Verantwortung liegt aber nach wie vor in den Familien“, sagt eine Teilnehmerin. „Dadurch wird Ungleichheit nicht verhindert, sondern reproduziert.“ Unsere Forderung lautet daher, mehr Verantwortung an öffentliche Bildungseinrichtungen wie Kindergärten und Schulen auszulagern. Es darf keine Illusion sein, dass alle Kinder – unabhängig ihrer Herkunft und kultureller sowie sozialer Hintergründe – die gleichen Bildungschancen haben. „Denn eine schlechte Grundbildung ist demokratiegefährdend.“ Nicht selten äußert sie sich in Populismus, der vermeintlich einfache Lösungen auf komplexe Herausforderungen anbietet und sowohl Ängste schürt als auch Vorurteile bestätigt.

Bildung und Förderung als staatliche Aufgabe

Doch nicht nur im Bereich Bildung sollten die Städte, Länder und der Bund zur Verantwortung gezogen werden. Auch wenn Einzelpersonen oder Unternehmen derart viele Ressourcen bündeln, dass sie regierungsähnliche Macht innehaben, muss der Staat einschreiten. Besonders im Zuge der Pandemie hat sich gezeigt, dass Menschen mit geringem Einkommen die systemrelevante Infrastruktur am Laufen halten – und mitunter am meisten unter der Krise leiden. Diesen Missstand beheben könnte das deutsche Steuersystem, denn „Steuergerechtigkeit und Umverteilung sind ein Hebel zu mehr sozialer Gerechtigkeit.“

Klar ist: Kurzfristige Aktionen, oberflächliches Mitleid und ein kurzes Flattern der Augenlider bringt wenig.

Vielmehr müssen wir die Augen weit öffnen, um sozial gerechte Strukturen, Bündnisse und Plattformen aufzubauen. Um persönlichen Austausch in Gang zu setzen und Brücken zu schlagen. Jetzt ist die Zeit, um vom Reden ins Handeln zu kommen.

From words to action

Tag 3: Ergebnisse

„Ich bin wohl noch nicht alt genug, um den Zorn über die gesellschaftlichen Verhältnisse hinter mir zu lassen“, sagt eine der Teilnehmerinnen. „Das treibt mich an, bringt mich in Bewegung.“

 Wie alt muss ich eigentlich werden, um die Wut über soziale Ungleichheit zu bewerkstelligen?

Aus dieser Wut heraus entstehen im Innovation Bootcamp konkrete Lösungsansätze, die unterschiedlicher Natur sind, jedoch einen gemeinsamen roten Faden erkennen lassen: Sie alle verfolgen das übergeordnete Ziel, die sozialen Verhältnisse infrage zu stellen und einen Schritt in Richtung globale Gerechtigkeit zu gehen.

Kleine Schritte. Aber in die richtige Richtung.

Bildung

Wissen attraktiv machen

„Was unsere Bildungseinrichtungen wie Kindertagesstätten und Schulen aktuell leisten, ist letztlich nur die Betreuung von Kindern“, sagt eine Teilnehmerin. „Gefördert werden die wenigsten.“

Was das Bildungssystem daher zu Tage befördert, sind Jugendliche, deren Köpfe vor auswendig Gelerntem platzen. Solche, die die Vektorrechnung beherrschen und Gedichte rezitieren können, sowohl mit der Steuererklärung als auch mit dem ersten Arbeitsvertrag aber vollkommen überfordert sind. Denn in der Realität wird Bildung selten als der persönliche Entwicklungsprozess in Schulen vermittelt, der sie sein sollte. Besonders die Corona-Pandemie hat deutlich gemacht, welchen Randplatz Bildung in der Gesellschaft tatsächlich einnimmt. Ein vorrangiges Ziel der Teilnehmenden des Innovation Bootcamp lautet daher: Hochwertige Bildung soll in der Mitte der Gesellschaft verankert werden, um die Schüler:innen als souveräne, mündige und kritische Bürger:innen in die Welt zu entlassen.

Schule goes Life

Grundlage des entwickelten Konzepts ist die Integrierung von Methoden zu aktiver Meinungsbildung in schulische Curricula.

Denn meist hat ein Großteil der Schüler:innen keine Meinung zu lokalpolitischen Entscheidungen und überregionalen Beschlüssen – auch, wenn diese sie direkt betreffen. Wird etwa das Stadtbad geschlossen oder das Jugendzentrum abgerissen, scheinen sie nur mit den Schultern zu zucken. „Grund dafür ist die mangelnde Kenntnis der Hintergründe“, sagt eine der Teilnehmerinnen. Sie führt dazu, dass sich die Schüler:innen schlichtweg nicht trauen, die jeweilige Entscheidung zu hinterfragen oder gar zu kritisieren. „Es ist notwendig, dass Kinder und Jugendliche Einblicke in die demokratische Praxis einfordern, mit Entscheidungsträger*innen in Kontakt kommen und verschiedene Perspektiven kennenlernen.“ Sich also einen Tag der Schulwoche mit der Schließung des städtischen Schwimmbads auseinanderzusetzen, mit Politikerinnen, Wissenschaflern und Anwohnerinnen zu sprechen, ihnen zuzuhören und das Gehörte einzuordnen – das macht Kinder zu souveränen, mündigen und kritischen Bürger:innen.

Ganztag. Verpflichtend. Mit echtem Entwicklungsangebot.

Teilhabe / gelebte Vielfalt

... aus einem Artikel des NOISIV-Magazins vom 25.08.2026

Tanzgruppe Osmose

WIR mittendrin

Kleine und große Köpfe neigen sich nach links und rechts, ziehen schlaksige Arme und kräftige Beine mit und bringen nach und nach den kompletten Körper in Wallung. Junge Erwachsene, Kinder und Senioren bewegen sich immer schneller und kraftvoller zum Rhytmus der Trommeln, die rings um den Hamburger Rathausmarkt aufgebaut sind. Zahlreiche Menschen haben sich am heutigen Sonntag zusammengefunden, um bei der Premiere der Tanzgruppe Osmose dabei zu sein.

Die mehrsprachige Gruppe ist Teil des 2021 gegründeten Begegnungs-„Raums“, einem Format für Menschen unterschiedlichster Herkunft, Lebenssituation, verschiedenen Alters und Geschlechts. Das stiftungsgeförderte und spendenfinanzierte Projekt versammelt unter anderem Menschen mit Behinderung, Schüler:innen, Wohnungslose und Vermögende, die gemeinsam Lesungen organisieren, Filmabende gestalten oder zusammen kochen. „Mit der Idee wollten wir ein niedrigschwelliges Begegnungsangebot schaffen, das ein breites Bild der Gesellschaft widerspiegelt“, sagt eine der Initiatorinnen. Gestartet ist der mittlerweile über Hamburg hinaus bekannte Begegnungs-„Raum“ als mobiles Mentoring-Projekt, das Schlüsselpersonen aus Hamburger Organisationen mit Jugendlichen aus verschiedenen Stadtteilen zusammengebracht hat. Und die Organisator*innen haben große Pläne: „Wir stecken mitten in der Planung eines integrierenden Wohnprojekts, das im kommenden Jahr realisiert werden soll“, sagt eine von ihnen. Sogar einen Namen haben sie sich schon überlegt: Osmose-Haus.

Osmose-Haus. Das Wohnprojekt ist doch schon mal ein guter Ansatz.

Finanzielle Ressourcen / Steuer

´
Über gerechte Steuern ist das Land steuerbar.

Teilnehmerin: „Sollte man das Geld abschaffen?“

Teilnehmer 1: „Ein Tauschsystem könnte Scheine und Münzen ersetzen. Der immense Fokus auf Lohnarbeit ist eine Katastrophe, da so Arbeitslose aus dem System fallen.“

Teilnehmerin: „Wenn es nicht mehr Geld ist, brauchen wir aber andere Ressourcen wie Zeit, Güter oder Platz. Und außerdem... möchte ich wirklich so leben wie meine Großmutter?“

Teilnehmer 2 : „Grundeinkommen für alle ist eine Alternative.“

Teilnehmerin: „Zunächst sollten wir aber doch lernen, was Geld ist. Eine gerechtere Verteilung etwa wäre sinnvoll.“

Teilnehmer 1: „Stimmt. Nur die, die in großem Maße zu einer gerechteren Verteilung beitragen könnten, tun es nicht. Wenn wir etwa die Einkommssteuer um nur ein Prozent erhöhen, würden wir unser Ziel doch erreichen. Aber dann trifft es die Falschen. Die Vermögenssteuer zu erhöhen ist da doch sehr viel gerechter und effektiver.“

Teilnehmerin: „Dann ist Teilhabe möglich.“

Teilnehmer 2: „Schon komisch, dass sich die wenigsten mit dem deutschen Finanz- und Steuersystem beschäftigen.“

Teilnehmerin: „Warum nutzen wir das nicht zu unserem Vorteil? Die Gesellschaft ist doch steuerbar.“

Sollte man Geld abschaffen?

Angelegt ist die Steuer-Bar als Informations- und Beteilungsformat.

Sie fungiert zunächst als digitale Anlaufstelle und Plattform, auf der sich alle Menschen über Steuerungerechtigkeit schlau machen und ihre Erfahrungen austauschen können. Am Tresen kommen Handwerker, Professorinnen, Aktivisten, Lehrerinnen und Politiker zusammen. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung, die Aha-Momente und die Erkenntnis ermöglicht: Steuern sind eine Stellschraube im System sozialer (Un)gerechtigkeit, an der nicht nur die Reichen und Mächtigen drehen können. „Das Thema Steuern habe ich immer weit weg geschoben“, sagt eine Teilnehmerin. „Daher ist es jetzt umso wichtiger, sich dem zu widmen.“ Durch den Austausch mit Gleichgesinnten fühlt sie sich befähigt, Steuern und Gerechtigkeit zusammen zu denken. Früher wäre das für sie unmöglich gewesen. Regelmäßig trifft sie nun auf Wissensdurstige in der Steuer-Bar, ausgeschenkt werden neben Wein und Bier auch Inspiration und Tatendrang. Begeistert ist sie zudem vom Konzept „Bring a bottle“, das den Charakter der Steuer-Bar als Verteilstation hervorhebt. Am Tresen wird nicht nur ausgegeben, sondern auch Input in Empfang genommen. Es wird diskutiert, hinterfragt und geteilt. „Mithilfe der Idee können wir die immer gleichen Stammtischdiskussionen ausweiten, mit Expertise anreichern und Zugänge zum Thema Steuergerechtigkeit generieren.“

Steuerbar

Tag 4: Manifest

#Gemeinsam.Gerecht.Handeln.

Wir sind alte und junge Menschen.
Wir sind reiche und arme Menschen.
Wir sind Menschen mit Wohnung und Menschen ohne Wohnung.
Wir sind Menschen mit Migrations-Geschichte.
Wir sind Handwerker und Handwerkerinnen.
Wir sind Künstler und Künstlerinnen.
Wir sind Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen.

Wir sind wütend über die soziale Un-Gleichheit.

Alle Menschen haben die gleichen Rechte.
Aber die Gesellschaft behandelt sie nicht gleich.
Die Un-Gleichheit macht krank und traurig.
Die Klima-Krise und das Corona-Virus verstärken die Un-Gleichheit.
Wir sind wütend, weil niemand handelt.
Die Lösungen der Politiker sind nicht gerecht.

Wir sind zornig.

Ganz wenige Menschen in Deutschland haben ganz viel Geld.
Die reichen Menschen haben viel mehr Geld als alle anderen Menschen in Deutschland.
Wir sind zorning, weil Wohnungen zu teuer sind.
Und die Schule hilft Kindern mit Lern-Schwierigkeiten nicht genug.
Die Menschen halten nicht mehr zusammen.
Das ist schade.

Das ändern wir jetzt!

Wir sehen die Probleme.
Und wir zeigen anderen Menschen die Probleme.
Wir reden miteinander.
Wir sind fair zueinander.
Wir wollen die Entscheidungen von Politikern aktiv mitgestalten.
Wir sind demokratisch.

Alle Menschen sind unterschiedlich. Und das ist gut.
Aber alle Menschen haben die gleichen Rechte.

Wir wollen, dass die Gesellschaft alle Menschen gleich behandelt.

Wir wollen, dass alle Menschen eine gute Wohnung finden.
Wir wollen, dass die Schule alle Kinder fördert.
Wir wollen, dass reiche Menschen mehr Steuern zahlen als arme Menschen.

Ihr könnt uns helfen.

Ihr könnt mit uns sprechen.
Ihr könnt von euren Erfahrungen erzählen.

Wir lösen die Probleme zusammen!

#Just.Act.Together

We are people of all ages with migration background, craftsmen, academics, people without a permanent residence, pensioners, scientists, artists, people with large fortunes, entrepreneurs and people with poverty background.

We are angry about the increasing social inequality. An inequality that affects schooling, health and one's well-being. An inequality that is exacerbated by climate change and the Corona pandemic, stunting personal and economic development.

We are angry that change is talked about, but still nothing happens. Because too often we are fobbed off with supposed solutions that are neither socially just nor transferable.

We are angry that one percent of Germans own about one third of the total wealth. That people working for the statutory minimum wage can only afford 3.5 square meters of living space in Frankfurt am Main. That social origin continues to be a determining factor in children's educational success and that inequalities in schools are not compensated for but intensified.

We are angry that our society is moving further and further apart due to the unequal distribution of income and wealth.

We are tackling that now!

We see and create visibility. We break through action blockades, social bubbles and bring all people into the middle of society. We initiate discussion processes and not only want to participate in political decisions, but actively shape them. Humanely, respectfully and democratically. We want to exchange, organize and act effectively.

We don't just want to talk about diversity, we want to live diversity.

We take responsibility for a just and communal togetherness.

We call on all people to accompany and support us. To share their experiences, competencies, resources and networks with us in order to create meeting spaces and to enable affordable, intercultural and dignified housing and living. To promote inclusive education and to stand up for tax justice and redistribution.

Let's walk the path together. Locally, nationally and globally.


#Just.Act.Together wants to reach everyone. Talk about our project, exchange ideas and tell your friends, relatives and neighbors about it. Come to us with questions, criticism and suggestions. This is an open space for comments, feedback and collaboration.

#Gemeinsam.Gerecht.Handeln.

Wir sind Menschen aller Altersgruppen mit Migrationsgeschichte, Handwerker:innen, Akademiker:innen, Menschen ohne festen Wohnsitz, Rentner:innen, Künstler:innen, Wissenschaftler:innen, Menschen mit großem Vermögen, Unternehmer:innen und Menschen mit Armutshintergrund.

Wir sind wütend über die zunehmende soziale Ungleichheit. Eine Ungleichheit, die sich auf die schulische Bildung, die Gesundheit und das eigene Wohlbefinden auswirkt. Eine Ungleichheit, die durch den Klimawandel und die Corona-Pandemie verstärkt wird und die persönliche und wirtschaftliche Entwicklung bremst. Wir sind wütend, dass zwar über Veränderung gesprochen wird, aber trotzdem nichts passiert. Denn zu oft werden wir mit vermeintlichen Lösungen abgespeist, die weder sozial gerecht noch übertragbar sind.

Wir sind zornig, dass ein Prozent der Deutschen rund ein Drittel des Gesamtvermögens besitzt. Dass sich Menschen, die für den gesetzlichen Mindestlohn arbeiten, nur 3,5 Quadratmeter Wohnraum in Frankfurt am Main leisten können. Dass die soziale Herkunft nach wie vor bestimmend für den Bildungserfolg von Kindern ist und Ungleichheiten in Schulen nicht kompensiert, sondern intensiviert werden. Wir sind zornig, dass unsere Gesellschaft aufgrund der ungleichen Verteilung von Einkommen und Vermögen immer weiter auseinanderrückt.

Das packen wir jetzt an!

Wir sehen und schaffen Sichtbarkeit. Wir durchbrechen Handlungsblockaden, soziale Blasen und holen alle Menschen in die Mitte der Gesellschaft. Wir stoßen Diskussionsprozesse an und wollen nicht nur an politischen Entscheidungen teilhaben, sondern sie aktiv gestalten. Menschlich, respektvoll und demokratisch. Wir wollen uns austauschen, organisieren und wirkungsvoll handeln.

Wir wollen nicht nur über Diversität sprechen, sondern Vielfalt leben.

Wir übernehmen Verantwortung für ein gerechtes und gemeinschaftliches Miteinander.

Wir fordern alle Menschen auf, uns zu begleiten und zu unterstützen. Ihre Erfahrungen, Kompetenzen, Ressourcen und Netzwerke mit uns zu teilen, um Begegnungsräume zu schaffen und bezahlbares, interkulturelles und würdevolles Wohnen und Leben zu ermöglichen. Um integrative Bildung zu fördern und um sich für Steuergerechtigkeit und Umverteilung stark zu machen.

Lasst uns den Weg gemeinsam gehen. Lokal, überregional und global.


#Gemeinsam.Gerecht.Handeln. möchte alle erreichen. Sprecht über unser Vorhaben, tauscht euch aus und erzählt euren Freund:innen, Verwandten und Nachbar:innen davon. Kommt bei Fragen, Kritik und Anregungen auf uns zu. Dies ist ein offener Raum für Hinweise, Feedback und Zusammenarbeit.

Text & Bild

Rebekka

Rebekka Gottl

Johanna

Johanna Benz

-->

Initiatorinnen

Inci Bürhaniye

Inci Bürhaniye ist als Rechts- und Fachanwältin im Steuerrecht sowie Handels- und Gesellschaftsrecht in Berlin tätig, war Vorstandsmitglied der Kjellberg Stiftung und ist jetzt Vorstandsmitglied der Gesa Chomé-Stiftung. Mit ihrer Schwester gründete sie 2011 den binooki-Verlag, der sich auf deutsche Übersetzungen türkischer Literatur der Gegenwart konzentriert. 2017 wurde sie mit dem KAIROS-Preis der Toepfer Stiftung ausgezeichnet.

inci@noisiv.org

Yukiko Elisabeth Kobayashi

Yukiko Elisabeth Kobayashi ist Diplom Psychologin mit einem Fokus in interkultureller und Entwicklungs-Psychologie. Sie verfügt über jahrelange internationale Führungs- und Beratungserfahrung in Industrie, StartUps und NGO. Seit der Gründung des ImpactDOCKs Hamburg ist sie an innovativen Lösungen für gesellschaftlich relevante Fragestellungen sowie individueller und kollektiver Zukunftsfähigkeit interessiert. Sie engagiert sich ehrenamtlich im ImpactHUB Hamburg und bei Zonta International.

yuki@noisiv.org